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Sage: „Die Kröte am Dorfbrunnen“

Einst fand eine Magd von Kastelbell auf ihrem Weg ins Feld eine Kröte. Als sie das garstige Tier verscheuchen wollte, begann dieses mit menschlicher Stimme zu reden: „Um aller Barmherzigkeit willen, Mädchen, nimm mich auf, trag mich zur Kirche und lass dort eine Messe lesen, damit ich erlöst werde!“ Die Kröte war eine gebannte Seele, die nur alle hundert Jahre einmal am Johannestag ihre menschliche Stimme zurückerhielt, um einen mitleidigen Menschen zu bitten, dass er sie erlöse. Das Mädchen hatte sich anfangs sehr gefürchtet. Da es aber brav und mitleidig war, hob es das Tier auf, legte es in seine Schürze und trug es zur Kirche. Dort bat es den Pfarrer, nachdem es ihm die wunderliche Begebenheit erzählt hatte, eine heilige Messe zum Heile der armen, ruhelosen Seele zu lesen. Der Pfarrer erfüllte des Mädchens Wunsch. Als er die Messe beendet hatte, hörte er einen Seufzer aus der Richtung der Kröte: „Lob und Dank, nun bin ich endlich erlöst!“ Und die Kröte, die zuvor unbeweglich dagesessen, war aus der Kirche verschwunden. In der folgenden Nacht aber erschien sie dem Mädchen noch einmal im Traum und sagte: „Weil du mir zur ewigen Ruhe verholfen hast, will ich dir und dem Dorf ein Geschenk bereiten. Du sollst morgen in aller Frühe zu dem Dorfbrunnen gehen, der seit Jahr und Tag versiegt ist. Es wird bei deinem Erscheinen aufs neue Wasser hervorsprudeln. Trinke davon und netze Gesicht und Hände damit. Es wird dein Glück sein!“

Das Mädchen tat, wie ihm die Kröte geheißen hatte. Es wusch sich in aller Früh am wieder munter plätschernden Dorfbrunnen Gesicht und Hände und trank einen tüchtigen Schluck Wasser. Da hörte und verstand es auf einmal nicht nur alle geheimen Stimmen ringsum, sondern wurde auch so schön von Angesicht, dass sich gar bald ein stattlicher Bursch fand, der es heimführte als seine liebe Frau.

Der Brunnen aber rauschte munter fort bis zum heutigen Tag. Eine Kröte aus weißem Marmor, die auf seinem Rande sitzt, erinnert die Menschen der Gegenwart an die einstige Begebenheit.


(Quelle: Winkler Robert, Sagen aus dem Vinschgau, Athesia)

 

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