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Machtvoll und weithin sichtbar ragt auf einem steilen, unmittelbar über der Straße sich erhebenden efeuumsponnenen Felsen das einst schöne Schloss Kastelbell auf.

In dieser prächtigen Burg herrschte vor Zeiten Graf Jodok von Hendl mit seinem Sohn. Der junge Graf liebte die anmutige Tochter des Zollwirtes auf der Töll; beide waren einander in aufrichtiger Liebe zugetan. Es gelang ihnen auch, den anfänglichen Widerstand des alten Grafen gegen ihre spätere Verbindung zu brechen. Ritter Kosmas vom Schloss Vorst hatte aber schon ebenso lange ein Auge auf das schöne Mädchen geworfen. Er erfuhr bei einem großen Gastgelage, das der Graf von Kastelbell der befreundeten Ritterschaft in seiner Burg gegeben hatte, von der beiden Liebe. Der Bösewicht sann daraufhin nach einer Möglichkeit, die Liebenden zu verderben. An einem schönen, milden Herbsttag ritt der junge Graf auf die Fasanenjagd durch die Auen von Rabland. Seiner Gewandtheit mit der Armbrust fielen mehrere Rebhühner und Fasane zum Opfer. Nachdem er am Abend seinen Diener mit der reichen Jagdbeute ins väterliche Schloss zurückgeschickt hatte, bestieg er sein Ross und ritt mit den zwei schönsten Fasanen zu seinem Liebchen auf die Töll hinunter. Sein Nebenbuhler, Graf Kosmas, hatte sich die ganze Zeit heimlich in seiner Nähe aufgehalten und folgte ihm auch jetzt wieder unauffällig auf einem Seitenweg. Wie er nun die beiden Liebenden vor dem Zollwirtshaus glücklich beisammenstehen sah, riss er in höchster Wut seine Armbrust herunter und zielte auf seinen Gegner. Das tapfere Mädchen stellte sich blitzschnell vor ihren Liebsten hin und fing mit ihrem Körper den tödlichen Pfeil auf. Sie sah ihren Geliebten noch einmal liebevoll an und sank dann mit einem Seufzer leblos zu Boden. Der junge Graf, zu Tode erschrocken, zog gleich sein Schwert und stieß es dem feigen Mörder in die Brust.

Die liebe Tote wurde nach Kastelbell überführt und im gräflichen Grab bestattet. Der junge Ritter, untröstlich über den unermesslichen Verlust, verließ alsbald die väterliche Burg und zog sich in die Stille der Kartause „Allerengelberg“ in Schnals zurück.

(Quelle: Winkler Robert, Sagen aus dem Vinschgau, Athesia)

 

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